"Tiefes Durchatmen"
Der Winter zeigte sich noch im alten Jahr von seiner grimmigen Seite und ließ uns in Apetlon Mitte Dezember knapp an einem Drama vorbeischrammen. Minus 21 Grad Celsius, die in der Nacht von 17. auf 18. Dezember herrschten, setzten – Gott sei Dank – nur der Sorte Merlot zu, dessen üppiger Wuchs ausreichend Angriffsfläche für die Kälte geboten hatte. Zweigelt und andere Sorten blieben verschont.
Wie schon in manchen Jahren erlebt sollte der Winter im April jäh vom Sommer abgelöst werden – auf den Frühling schien der Wettergott vergessen zu haben. Trotz des trockenen Bodens schoss die Vegetation geradezu unbändig, sodass sich die ersten Rebblüten bereits Ende Mai, also knapp drei Wochen früher als das Jahr zuvor, zeigten. Dieser Zeitpunkt ist bestimmend für den Verlauf der restlichen Vegetationsentwicklung des Jahres. Spätestens nach Beendigung der rasch verstrichenen Blütezeit wussten die Weinbauern, dass sie ein zeitiges Weinjahr erwarten konnten.
Es blieb trocken und hitzig und ganz Österreich stellte sich schon auf einen "Jahrhundertsommer" ein. Der Juli zog dann mit kühleren Temperaturen ins Land, die zahlreichen Wolken aber ließen ihre Fracht zum Großteil in den westlichen Bundesländern fallen. Die Reifeentwicklung der Trauben war durch die gemäßigten Temperaturen zwar verzögert, in manchen Steillagen des Kremstals war die Trockenheit aber schon spürbar. Hier konnte die Tröpfchenberegnung hilfreiche Dienste leisten, um die Qualität zu erhalten.
Dann ein abrupter Szenenwechsel: Der August preschte wieder ungestüm ins Weinjahr hinein und bescherte makellose Sonnen- und Hitzetage, die nur durch zwei Gewitterregen kurze Unterbrechung fanden. Erfreulicherweise blieb uns Hagelschlag, der sonst in einigen Weinbaugebieten schweren Schaden anrichtete, verschont.
Am 5. September starteten wir mit der Lese der Scheurebe-Trauben, die für den Schilfwein sogleich zum Trocknen aufgelegt wurden. Außerdem kamen die perfekten Weißburgunder-Trauben aus Apetlon in den Keller. Schlag auf Schlag folgten im Seewinkel Muskat und Chardonnay – wieder für Sektgrundwein bestimmt – und gleich anschließend die ersten Zweigelt-Trauben für die klassischen Qualitäten.
In Rohrendorf entschieden wir uns für eine fraktionierte Lese und begannen ab 12. September damit, aus den Lagen Gebling, Breiter Rain und Schnabel 30 bis 40% der Grüner-Veltliner- und Riesling-Trauben auszulesen. Die Erfahrung bisheriger heißer und trockener Jahre hatte uns gelehrt, die Zuckerreife der Trauben und Korpulenz der Weine nicht ausufern zu lassen. Die leichteren und lebendigeren Weine der frühen Lese sollten später mit den opulenten und milderen der abschließenden Ernte vermählt werden, um Eleganz und Balance zu erlangen.
Beinahe sechs Wochen täglich ungetrübten Sonnenscheins ließen die Weinlese im Vergleich zu vorangegangen Jahren als Spaziergang erscheinen. Selektionsarbeit blieb den Lesehelfern größtenteils erspart, da sich das Traubenmaterial gleichmäßig reif und in bestem Gesundheitszustand präsentierte – noch dazu mit sehr ausdrucksvoller Aromatik.
Ende September waren nach den klassischen Kremstaler Qualitäten selbst die Trauben für Große Reserve-Zweigelt- und Merlot in Apetlon schon gelesen. Der Cabernet Sauvignon folgte Anfang Oktober. Zehn Tage später fand nach einwöchiger Pause die Weinernte ihren Abschluss, die Riesling-Trauben aus dem Kremser Gebling konnten eingebracht werden. Auch sie waren goldgelb, erfreuten durch fantastischen Gesundheitszustand und ausdrucksvollem Geschmack.
Das Resümee: 2011 ist ein Jahrgang, der die Nerven der Winzer geschont, zur allgemeinen Entspannung beigetragen hat, und dem Weinfreund viel Freude bereiten wird.